Architektur und Naturschutz

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„Grün statt Grau“ lautet das saarländische Motto beim Siedlungsnaturschutz


Interview: Kim Ahrend

Beim Bauen – sei es im Quartiersmaßstab oder beim Bau von einzelnen Gebäuden – wird Boden versiegelt. Eine versiegelte Umwelt schadet der Artenvielfalt, dem Klima und schlussendlich uns Menschen. Es gibt jedoch zahlreiche Konzepte, wie Städte und Siedlungen ökologischer gestaltet werden können. Die DAB-Redaktion sprach mit der saarländischen Umweltministerin Petra Berg über Architektur und Naturschutz.

Ihr Ministerium hat letztes Jahr eine 2-tägige Naturschutzfachtagung durchgeführt. Welche Themen sind insbesondere für Planende wichtig?
Ministerin: Die Naturschutzfachtagung des saarländischen Umweltministeriums findet alle zwei Jahre statt und beleuchtet jedes Mal unterschiedliche Themen aus dem Bereich des Naturschutzes. Vergangenes Jahr stand die Tagung unter dem Motto „Grün statt Grau“. Gemeinsam mit unseren Partnern, dem NABU, dem BUND, dem Saarländischen Städte- und Gemeindetag und der Architektenkammer des Saarlandes widmeten wir uns insbesondere dem Siedlungsnaturschutz. Also ein Thema, das gerade auf der angesprochenen Bauplanungsebene eine besondere Rolle spielt. Denn zu viele Städte und Wohngebiete haben zu wenige Nischen für Tiere und zu wenig Platz für Grünflächen. Allerdings können bereits in der Neubau-Planungsphase oder bei Sanierungen Arten- und Naturschutz mitgedacht werden. Dadurch ergibt sich die Chance, die vorhandenen unterschiedlichen Strukturen naturverträglich zu gestalten und so neuen Raum für Flora und Fauna zu schaffen. Als Beispiele sind hier naturnahe Grünflächen in Kommunen oder auf Firmengeländen zu nennen. Dabei muss es sich nicht immer um gepflegten Rasen handeln, sondern pflegeleichte, naturnahe Lösungen wie etwa blütenreicher Schotter-Rasen sind eine Möglichkeit. Ein weiteres wichtiges Thema beim Siedlungsnaturschutz ist der Erhalt von Nistmöglichkeiten für Gebäudebrüter. Auf der Tagung und in unseren Broschüren haben wir viele verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, wie man für Wildtiere sowohl im Garten als auch am Gebäude ein Zuhause schaffen kann. Im Zusammenhang mit dem Siedlungsnaturschutz ist auch noch die Problematik mit der sogenannten Lichtverschmutzung zu nennen. Zu viel Licht, wo eigentlich Dunkelheit herrschen sollte, stört den Rhythmus von Tier und Mensch. Es gilt also auch hier, in der Bauplanungsphase intelligente Lichtkonzepte an Gebäuden und in Kommunen zu etablieren, die zum einen helfen, Energie zu sparen und zum anderen Ruhe ins nächtliche Treiben vieler Tier- und Pflanzenarten bringen.

Im Rahmen der Klimafolgenanpassung sind das Schwammstadtprinzip und die Wasserrückhaltung bedeutende Bausteine einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Werden diese im Saarland gefördert und ange-
wendet?
Ministerin: Im Saarland ist durch das saarländische Wassergesetz bereits seit 20 Jahren geregelt, dass Niederschlagswasser neu bebauter Grundstücke vor Ort genutzt, versickert oder in ein oberirdisches Gewässer eingeleitet werden soll. Die Abkehr vom Prinzip der schnellstmöglichen Ableitung aller Niederschlagsabflüsse in die Kanalisation ist also für uns nicht neu. Allerdings muss vor dem Hintergrund der zunehmenden Herausforderungen durch den Klimawandel und seiner Folgen der eingeschlagene Weg konsequent weiterverfolgt werden. Deshalb sind für zukünftige Bebauungspläne, das Schwammstadtprinzip mit Entsiegelungsmaßnahmen oder auch eine blaugrüne Infrastruktur mit einem strategisch geplanten Netzwerk aus naturnahen Flächen essenziell für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung. Bereits jetzt fördert das Ministerium für Umwelt, Klima, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz kommunale Programme zur dezentralen Niederschlagswasserbewirtschaftung. Dabei werden Maßnahmen sowohl auf privater als auch auf kommunaler Ebene unterstützt. Die Projekte umfassen Flächenabkopplungen, Flächenentsiegelung und Niederschlagswasserversickerung sowie Regenwasserrückhaltung. Mit dieser Förderung leisten wir einen entscheidenden Beitrag sowohl zur Klimaanpassung als auch zur Entlastung von Kanalnetzen und Kläranlagen. Außerdem fördert das Ministerium die Kommunen des Saarlandes bei der Hochwasser- und Starkregenvorsorge. Darüber hinaus beteiligt sich das Ministerium auch aktiv an der Kleingruppe „Wassersensible Siedlungsentwicklung“ der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser. Gemeinsam sollen praxisorientierte Strategien erarbeitet werden, die zukünftig als Grundlage für die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen im Baurecht gelten können. Wir haben also die aktuellen Entwicklungen einer naturnahen Bauplanung im Blick und beteiligen uns aktiv an der Umsetzung und Förderung für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung hier im Saarland.

Wie unterscheiden sich generell die Konzepte im städtebaulichen Kontext und die im ländlichen Raum?
Ministerin: In verdichteten, eng bebauten Stadträumen ist die Flächenkonkurrenz deutlich höher als im ländlichen Raum. Insofern ergeben sich auf dem Land in der Regel mehr Flächenpotenziale für eine naturnahe Bebauung.

Für dieses Jahr soll der Siedlungsnaturschutz unter die Lupe genommen werden. Was ist geplant?
Ministerin: Das Motto der Naturschutzfachtagung gilt für zwei Jahre. Somit steht also auch 2024 der Siedlungsnaturschutz im Fokus. Neben der Broschüre „Bau schlau“ für Gebäudebrüter werden wir in diesem Jahr das Arbeitsheft „Praxis-Leitfaden für Kommunen und Bauhöfe: Einfach mehr Natur ermöglichen!“ fertig stellen. Inhaltlich werden dort Ideen für naturnahe Grünflächen in Kommunen sowie hilfreiche Anleitungen zur Pflege präsentiert. Viele Kommunen haben uns bereits signalisiert, dass ihnen dieses Thema unter den Nägeln brennt und sie durchaus gewillt sind, der Natur und dem Artenschutz innerhalb der Siedlung mehr Platz einzuräumen. Ein weiterer wichtiger Bestanteil wird auch die Weiterführung der engen und guten Kooperation mit der Architektenkammer sein. Gemeinsam wollen wir ein umfassendes Angebot an Fachfortbildungen zum Schutz von Gebäudebrütern schaffen.

Anfang des Jahres fand eine gemeinsame Pressekonferenz des Ministeriums, des NABU Saarland und der Architektenkammer des Saarlandes statt, um für die Broschüre „Bau schlau“ zu werben – ein Leitfaden zum Erhalt des Lebensraums von sogenannten Gebäudebrütern. Warum ist es wichtig, für dieses Thema zu sensibilisieren?
Ministerin: In Folge von energieeffizienten Dämmungsmaßnahmen bei Altbau-Sanierungen und Neubauten mit vermehrt glatten Fassaden bleibt kein Platz mehr für die Gebäudebrüter und ihre Nistplätze. Eine Gefahr, nicht nur für die Population dieser Tiere, sondern für unser gesamtes Ökosystem. Deshalb wollen wir zukünftig Nistmöglichkeiten bei Sanierungsarbeiten und Neubauplanungen mitdenken und erhalten. Mit unserer Broschüre „Bau schlau“ geben wir dafür umfangreiche fachliche Hinweise für Architekt:innen und Bauherr:innen. Sie zeigt einfache praktikable Möglichkeiten, um Nistmöglichkeiten zu erhalten oder intelligent neu einzubauen. Am besten berücksichtigt man solche Artenschutzmaßnahmen an Gebäuden schon direkt bei Sanierungs- wie Neubauplanungen.
Begleitet werden sollten diese Artenschutzmaßnahmen an Gebäuden möglichst durch ein naturnahes Freiflächenmanagement auf den Grundstücken, denn Nistplätze an Gebäuden und Lebensraum mit insektenreichen Nahrungsgrundlagen gehören stets zusammen. Hierfür gibt es wiederum aus der im letzten Jahr in meinem Ministerium erschienenen Broschüre „Biene, Benjes, Biotop“ gute Anregungen. So hängt alles mit allem zusammen – und in allem gibt es jeweils praktische Möglichkeiten, die man nur kennen muss und dann entsprechend einplanen kann.

Zu betonen ist auch, dass „Bau schlau“ wie auch „Ökologische Gestaltung der Grundstücke“ keine Hindernisse sind, sondern eher die Chance, dass Wohnquartiere auch sehr viel menschenfreundlicher werden und zudem positive Beispiele für ökologisch gute Architektur darstellen.

Vielen Dank.


22.02.2024
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Ministerin Petra Berg; Foto: Sebastian Bauer

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